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Warum KI die CAM-Programmierung nicht so schnell ersetzen wird

 Blick in ein modernes, gut ausgeleuchtetes Büro. die möbel, wände und fussboden sind in hellen tönen gehalten. durch eine glasscheibe hat man einen blick in eine halle mit cnc-maschinen. an  schreibtischen sitzen jeweils ein mann und eine frau, beide in legerer kleidung: poloshirt, lange stoffhose. sie arbeiten an computer-arbeitsplätzen, auf denen jeweils ein schattiertes 3d-modell eines maschinenbauteiles zu sehen sind. stil des bildes ist high key, man sieht die gesichter der personen halb von vorne, die frau hat schulterlange rote haare

Der Druck wächst täglich: Fachkräftemangel, steigende Kosten und immer kürzere Lieferzeiten. In den Medien und auf Messen wird oft ein verlockendes Bild gezeichnet: Die komplett automatisierte "Lights-out-Manufacturing", angetrieben durch Künstliche Intelligenz. Die Idee klingt bestechend: Man wirft ein 3D-Modell in die Software, und am anderen Ende fällt das fertige, fehlerfreie NC-Programm für Ihre 5-Achs-Maschine heraus.

Doch als erfahrener Praktiker wissen Sie, dass die Realität an der Maschine anders aussieht. Eine vollständige Automatisierung der CAM-Programmierung ist auf absehbare Zeit eine Illusion. Warum das so ist und warum Ihr CAM-Programmierer auch weiterhin das wichtigste Bindeglied in Ihrer Fertigung bleibt, möchten wir Ihnen hier aufzeigen.

 

1. Importierten 3D-Modellen fehlt das "Fertigungs-Wissen"

Der erste Stolperstein liegt bereits in den Daten Ihrer Auftraggeber. In der Praxis verbringt ein Programmierer viel Zeit damit, importierte Geometrien an fertigungsrelevante Aspekte anzupassen. Warum? Weil in den gelieferten 3D-Modellen oft essenzielle Informationen wie Toleranzen, Oberflächengüten oder spezifische Bohrungsarten schlichtweg fehlen. Ein Computer sieht nur einen Zylinder – ob es sich dabei um eine hochpräzise Passung, ein einfaches Durchgangsloch oder ein Gewinde handelt, steht auf der 2D-Zeichnung, die ein Mensch interpretieren und dem CAM-System mitteilen muss.

 

2. Generative KI "denkt" nicht in 3D-Modellen

Wir alle kennen die beeindruckenden Texte von ChatGPT oder die Bilder von KI-Bildgeneratoren. Doch diese generativen Modelle arbeiten mit Text-Bausteinen (Tokens) oder Pixeln. Im CAD/CAM-Bereich arbeiten wir jedoch mit exakten Volumenmodellen, sogenannten B-Rep-Modellen (Boundary Representation). Die heutigen KI-Modelle können diese exakten Volumenmodelle weder "verdauen" noch als Eingabe-Tokens verarbeiten. Es gibt derzeit keinen Standard und auch keine verbreitete Technologie, die ein solches B-Rep-Volumenmodell so formulieren könnte, dass ein KI-Sprachmodell damit umgehen kann.  Derzeitige 3D-Generatoren erzeugen lediglich facetierte Netzmodelle (Meshes), die vielleicht im 3D-Druck oder für Computerspiele taugen, aber für exakte Fräsprogramme und analytische Geometrien im Maschinenbau völlig unbrauchbar sind.

 

3. Fehlende Ausgabeformate für Werkzeugwege

Selbst wenn eine KI das 3D-Modell lesen könnte, bleibt die Frage der Ausgabe: Wie codiert und formuliert man eine komplexe Bearbeitungsstrategie oder einen präzisen Werkzeugweg als Text oder Code, den die KI generieren soll? Es gibt hierfür derzeit keine Standards, diese müssten erst noch geschaffen werden. Wie beschreibt man die zu verwendeten Werkzeuge, an welcher Stelle werden die Möglichkeiten der Maschine beschrieben?

 

4. Das Dilemma der Trainingsdaten

Ein KI-Modell muss trainiert werden und zwar mit massenhaft Daten. Um eine KI zu befähigen, aus einem 3D-Teil ein fertiges Fräsprogramm zu machen, bräuchte man Hunderttausende, wenn nicht Millionen von Datensätzen, die exakt aufzeigen: Welches Teil wurde wie und in welcher Laufzeit auf welcher Maschine programmiert? Doch wem gehören diese Daten? Woher sollen sie kommen? Kaum ein Fertigungsbetrieb ist bereit, seine hart erarbeiteten 5-Achs-Frässtrategien, Schnittwerte und sein wertvolles Know-how als Trainingsdaten für ein globales Modell zur Verfügung zu stellen – wenn schon nicht Datenschutz- und Geheimhaltungsgründe dagegen sprechen, bleibt die Frage, in welcher konkreten Form dies geschehen soll.

 

5. Was aktuelle "KI-Lösungen" im CAM wirklich sind

Lassen Sie sich von Marketing-Schlagworten nicht blenden. Wenn aktuell Lösungen versprechen, Ihre CAM-Programmierung zu "automatisieren", verbirgt sich dahinter meist keine echte Maschinelle Intelligenz (Machine Learning). Stattdessen handelt es sich um:

  • Komplexe Regelwerke und Heuristiken: Die Software analysiert das Modell nach festen Geometrie-Regeln (z.B. "Wenn Tasche, dann so bearbeiten"). Das funktioniert für prismatische Standardteile oft gut, stößt aber bei Freiformflächen, komplexen 5-Achs-Teilen oder geschwenkten Bearbeitungen sofort an seine Grenzen.
  • Text-Prompts statt Mausklicks: Es gibt Bestrebungen, bei denen die CAM-Befehle, die Ihr Programmierer normalerweise ausführt, nun einfach über eine Texteingabe (Prompt) gesteuert werden. Das ist ein nettes Interface, ersetzt aber in keiner Weise das Fachwissen darüber, welche Befehle die richtigen sind.

 

Fazit

Die Technologie entwickelt sich weiter, doch die Verantwortung für einen kollisionsfreien und wirtschaftlichen Prozess auf Ihren teuren Werkzeugmaschinen trägt kein Algorithmus. Standardisierte Arbeitsweisen, smarte Feature-Erkennung und intelligente, hinterlegte Bearbeitungsmethoden sind fantastische Werkzeuge, um Ihren Programmierer massiv zu entlasten. Doch den Kopf Ihres erfahrenen CAM-Programmierers, der die Toleranzen interpretiert, die optimale Aufspannung wählt und die physikalischen Tücken des Materials kennt, kann und wird so schnell keine Software ersetzen.

Setzen Sie daher auf gute Systeme, die Ihre Mitarbeiter unterstützen, statt auf die Illusion, sie komplett ersetzen zu können. Vergessen Sie dabei nicht einen entscheidenden Faktor: Jede Software kann immer nur so gut sein wie ihr Anwender. Eine gute Schulung und eine verlässliche Anwenderunterstützung beeinflussen die Produktivität in Ihrer Fertigung wesentlich. Nur wenn Ihre Mitarbeiter durch gezielte Trainings lernen, die Funktionen des CAM-Systems effektiv zu nutzen und Arbeitsabläufe systematisch zu optimieren, arbeiten sie wirklich effizient und holen den maximalen Nutzen aus der Software. Ein starker Support fängt Ihr Team im Arbeitsalltag bei komplexen Fragestellungen zuverlässig auf und gibt die nötige Prozesssicherheit. Investieren Sie also nicht nur in die Software, sondern durch Know-how-Transfer vor allem in das Wissen Ihrer wertvollen Experten.

 

Titelbild: KI-generiert